Tonleiterstrukturen und Emotionen, Barbara Richter

Hier wird der Zusammenhang zwischen der Klangebene der Musik und ihrer emotionale Wirkung aufgezeigt.

Dafür zuständig sind die verschiedenen Halbtonschritte einer Oktave bzw. genauer gesagt ihre jeweilige Lage innerhalb einer Oktave. Im altindischen Wissen ist dieser Zusammenhang zwischen der Folge von Ganz- bzw. Halbtonschritten und Ragas (=Skala=Emotionen) bereits seit langem bekannt.

Bei einer Dur-Tonleiter z.B. liegen die Halbtonschritte zwischen dem 3. und 4. bzw. zwischen dem 7. u 8. Ton. Bei Molltonleitern verändert sich die Lage der Halbtonschritte, wodurch sich auch das musikalische Erleben des Zuhörers verändert.

Innerhalb der Moll-Tonleitern unterscheidet man zwischen der natürlichen Moll (Halbtonschritte zwischen dem 2. und 3. Ton), der melodischen Moll (Halbtonschritte zwischen dem 2. und 3. Ton sowie zwischen dem 7. Und 8. Ton) und der harmonischen Moll (Halbtonschritte zwischen dem 2. und 3. Ton, dem 5. und 6. Ton und dem 7. und 8. Ton).

Beim Anhören der Tonleitern stellt sich rasch ein unterschiedliches Empfinden ein, die „Stimmung“ verändert sich merklich. „Dur“ heißt, aus dem Lateinischen übersetzt: „hart und unempfindsam“, während „Moll“ übersetzt „weich, bzw. sanft“ bedeutet. Gleich beim ersten Erleben dieser Tonstrukturen fällt auf, dass eine Dur sich fröhlich und heiter anfühlt, während eine Moll eher traurig und melancholisch stimmt.

Auch die eigene Stimme und ihre Möglichkeiten sind an Empfindungen gekoppelt, was sich darin zeigt, dass der Tonproduktion ein klares Inneres Empfinden vorausgeht; man erkennt ganz klar, dass z.B. bei der harmonischen Moll ein ungewöhnlich breiter Tonabstand von 1 ½ Tonschritten vorhanden ist, der nicht einfach zu singen ist. Daraus entwickelte sich die melodische (leichter) zu singende Moll-Art. Die westliche Musik baut hauptsächlich auf 4-5 verschiedenen Tonleitern auf, die die Grundlage für einen Großteil der künstlerischen musikalischen Kompositionen bilden.

Im Gegensatz dazu kennzeichnet die indische Musik Einstimmigkeit mit begleitender, sehr kreativer Improvisationskunst aus. Diese entstehen aus dem Augenblick heraus, sind vorab nicht festgelegt. Dabei werden 72 unterschiedlich konstruierte 7 tönigen Skalen (Ragas) verwendet; unsere westlichen Tonleitern aber auch z.B. die Pentatonik der Turkvölker und Vieles mehr sind darin enthalten. Diese einstimmigen Ragas werden von Bordun-Klängen (gleichbleibend mitklingenden Tönen), sowie von komplexen rhythmischen Geweben begleitet.

Bezogen auf die einzelnen Körperpunkte des Menschen zeigt sich, dass der Grundton ein Ruhepunkt ist und am Nabelzentrum liegt. Alle anderen Töne dieser Skala stehen dann in Relation zu diesem Punkt; d.h. durch die unterschiedliche Struktur einer Skala bzw. Tonart werden jeweils andere Körperbewusstseinspunkte angesprochen und angeregt.

Innerhalb z.B. der C-Dur zeigt der Dreiklang C-E-G (1.;3. und 5. Ton) ein Muster von „Ruhe“, „Zuversicht“ und „Freude“ im Gegensatz zur gleichlautenden Moll einen Dreiklang von C-ES-G (d.h. der 3. Ton ist um einen Halbton tiefer) ein Muster von „Ruhe“ „Melancholie und wieder „Freude“.

Allein aus dem um einen Halbton tiefer liegenden Körperbewusstseinspunkt ergibt sich die veränderte Position von „Zuversicht“ zu „Melancholie.

Weiters ist anzumerken, dass wir Tonabstände als Transfers erleben, d.h. dass unser Bewusstsein Tonabstände als qualitativ-quantitative Einheit erlebt und in jeder beliebigen Ausgangsposition (=Grundton) gleich erlebt wird und wiederholbar ist.

Allerdings ist das Erleben intensiver, wenn das tonale Zentrum (die Tonika), das ja stets der Ausdruck der Ruhe ist, dann noch intensiver erlebt wird, wenn es dem eigenen Grundton entspricht. Auch lässt sich daraus eine eventuelle Abneigung zu bestimmten Tönen und Tonarten ableiten, und zwar immer dann, wenn diese Töne mit dem eigenen Grundton in einem dissonanten Intervallverhältnis stehen. Dies wiederum bedeutet, dass eine emotionale Aussage über ein bestimmtes Musikstück niemals für alle Menschen eine gleichstarke emotionale Wirkung haben kann.

Singt der Mensch aus einem inneren Bedürfnis heraus vor sich hin, was generell viel wirksamer als die gewöhnliche Sprechstimme wirkt und stets einen Ausdruck von Emotionalität darstellt, wählt er automatisch immer die „richtigen Töne“. Das heißt: „Im Singen handeln wir unbewusst selbsttherapeutisch“.

Barbara Richter, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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